SPARK CONVERSATIONS
„Kunst gehört gezeigt“ - Im Gespräch mit Sebastian Haselsteiner über STRABAG ART, Kunst am Arbeitsplatz und seinen persönlichen Zugang zur Sammlung
19. Mai 2026
Seit 2022 leitet Sebastian Haselsteiner STRABAG ART. Die STRABAG SE wurde über Jahrzehnte hinweg maßgeblich von der Familie Haselsteiner geprägt und auf ihrem erfolgreichen Weg begleitet. Neben ihrem Engagement für zahlreiche kulturelle Institutionen hat das Unternehmen eine beachtliche Sammlung zeitgenössischer Kunst aufgebaut, die heute etwa 8.500 Werke umfasst. STRABAG ART folgt dabei einem klaren Selbstverständnis: Kunst wird nicht als dekoratives Beiwerk begriffen, sondern als wesentlicher Bestandteil von Arbeits- und Lebensräumen.
Im Gespräch gibt Sebastian Haselsteiner Einblicke in die Entstehung und Weiterentwicklung von STRABAG ART, reflektiert über die Bedeutung von Kunst und Kultur im Alltag und die gegenwärtige Rolle von Kunstmessen.
SPARK: Herr Haselsteiner, überall im Haus hängt Kunst. Ihre Sammlung umfasst inzwischen rund 8.500 Werke. Wie hat dieses Engagement ursprünglich begonnen?
Sebastian Haselsteiner: In der Tat sind es etwas weniger als 8.500 Werke. Die ursprüngliche Existenzberechtigung von STRABAG ART lag zunächst in der Ausstattung der Bürogebäude des Konzerns mit zeitgenössischer Kunst. 1989/90 waren sich mein Vater und sein Kollege einig, dass sie in ihren Büros nicht länger ausschließlich Baustellenfotos und Pläne an den Wänden sehen wollten. Auf Vorschlag von Willi Weiss entstand damals die Idee, gezielt zeitgenössische Kunst anzukaufen.
SPARK: Was erhoffen Sie sich von der Präsenz von Kunst im Arbeitsalltag? Meinen Sie, dass Kunst amArbeitsplatz die Kreativität, und auch die Produktivität beeinflussen und fördern kann?
Unser Anspruch ist es, bei den Kolleg:innen den Funken zu entzünden – den SPARK, die Leidenschaft für Kunst. Auch wenn dieser Funke nicht immer überspringt, entsteht dennoch eine spürbare Atmosphäre. Ich vergleiche das gerne mit der Architektur einer Stadt und der Wiener Innenstadt: Man muss nicht jedes Detail genau betrachten, um die Wirkung zu spüren. Es ist wie ein Spaziergang durch ein Gesamtkunstwerk, dessen Atmosphäre jeder spüren kann.
Sebastian Haselsteiner: Es ist nicht der Drang, auf die Straße zu gehen, sondern auf die Baustellen. Die Baustellen sind die eigentlichen Zentren dieses Unternehmens. Wir verwalten rund 8.500 Werke. An 75 Konzernstandorten sind etwa 7.300 Werke installiert. Doch selbst wenn wir 100 % unserer Standorte mit Kunst ausstatten würden, erreichten wir maximal 35 % unserer Belegschaft. Die übrigen 65 % gehen schlicht nicht ins Büro, sondern arbeiten auf den Baustellen. Genau deshalb ist es uns ein Anliegen, dort etwas zu tun, dort zu wachsen und einen positiven Einfluss auf unsere Teams zu nehmen.
Als ich die Artbox vor dem Leopold Museum gesehen habe, dachte ich mir: Was ist das anderes als ein überdimensionaler, vollverglaster Baucontainer? So entstand meine Idee des STRABAG ART Containers. Natürlich ist es deutlich schwieriger, Kunst auf eine Baustelle zu bringen. Der ART Container ist unsere Antwort darauf. Mit ihm erreichen wir jene Mitarbeiter:innen, die auf den Baustellen arbeiten, und demokratisieren den Zugang zur Kunst im Unternehmen. Die ART Container sind Kunst im öffentlichen Raum. Mein erster Wunschstandort für den STRABAG ART Container war die Baustelle des NEST am Karlsplatz. Im Wettbewerb um die besten Köpfe glauben wir, dass Kunst ein wesentliches Puzzlestück ist, um Talente zu gewinnen und sie langfristig im Unternehmen zu halten.
SPARK: Das STRABAG Kunstforum wurde kürzlich zu STRABAG ART. Das klingt nach mehr als nur einem Namenswechsel. Was genau markiert dieser Schritt? Was ist neu?
Sebastian Haselsteiner: In der Tat war es eine umfassende Transformation, eine echte Metamorphose. Über die 35 Jahre seines Bestehens – von 1990 bis zum 30. STRABAG Art Award im Juni 2025 – hat sich das STRABAG Kunstforum zu einer gewachsenen Struktur entwickelt. Begonnen hat alles als kleine private Sammlung im Süden Österreichs, in Kärnten. Die erste Säule der Sammlungsstrategie war zeitgenössische Kunst aus Österreich nach 1945. Dieser Fokus besteht bis heute. Die zweite Säule entstand kurz darauf: 1994 wurde der erste Kunstpreis für Malerei und Zeichnung der Bauholding ausgelobt, der sich später zum STRABAG ART Award entwickelte. Diese beiden Säulen sind bis heute entscheidend für unsere Sammlungsstrategie. 2009 wurde der Art Award internationalisiert.
Auch das Branding hat sich organisch weiterentwickelt. 1998 lautete der Name noch STRABAG Kunstforum. In den Jahren 2003 und 2004 übersiedelte STRABAG von Kärnten nach Wien, das Kunstforum folgte 2005. Ab diesem Zeitpunkt wurden alle Aktivitäten des Konzerns im Kunstbereich unter dem Namen „STRABAG ART …“ geführt.
Mit der zunehmenden Internationalisierung des Kunstforums hatten wir immer häufiger mit Ländern zu tun, deren Amtssprache nicht Deutsch, sondern Englisch ist. Ich kam daher zu dem Schluss, dass es notwendig ist, alle Bereiche zu harmonisieren, zu internationalisieren und „fit for future“ zu machen. Dabei war mir wichtig, mich auf das bestehende Fundament zu stützen und die Geschichte weiterzuschreiben, die vor 35 Jahren begonnen hat.
SPARK: Sammeln Sie privat auch Kunst?
Kunst ist für mich dann wertvoll, wenn ich eine persönliche Geschichte zu ihr entwickle. Das erste Werk, das ich gekauft habe, war in Venedig. Es war von einem schwedischen Künstler und setzte sich mit nordischer Mythologie auseinander. Ich wusste sofort: Das muss ich haben. Damals war es für mich ein teures Bild, heute ist es unbezahlbar, und ich würde mich niemals davon trennen. Die Geschichte gehört dazu und macht das Werk für mich wertvoll.
SPARK: Welche Bedeutung messen Sie Kunstmessen bei, um Kunst einem breiteren Publikum zugänglich zu machen?
Sebastian Haselsteiner: Ich halte Kunstmessen für einen sehr wichtigen Faktor, um Kunst einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Eine Messe bietet einen umfassenden Überblick darüber, was in der Szene passiert. Natürlich ist es nur ein Ausschnitt, doch für Menschen, die sich im Alltag nicht intensiv mit Kunst beschäftigen, ermöglicht eine Messe einen niederschwelligen Zugang. Die Bedeutung von Kunstmessen kann man meiner Meinung nach kaum hoch genug einschätzen.
SPARK: Gibt es persönliche Freundschaften zu Künstler:innen in Ihrem Umfeld? Welche Künstler:innen beeindrucken oder inspirieren Sie besonders?
Sebastian Haselsteiner: Ich bin mit Künstler:innen freundschaftlich verbunden, vor allem mit jenen, bei denen ich das Privileg hatte, etwas Persönliches zu erleben. Franz Grabmayr habe ich sehr bewundert. Mein Vater hatte drei große Arbeiten von ihm gekauft, und Franz präsentierte sie uns noch einmal persönlich in seinem Atelier. Danach gingen wir in den Marxerhof und von dort in einen Nebenbau. Dort betraten wir einen Keller, in dem Franz für uns etwas Wein und Speck vorbereitet hatte. Überall lagen hunderte seiner Tanzbilder. Er sagte: „Als Dankeschön darf sich jeder eine Arbeit aussuchen.“ Meine Eltern entschieden sofort, für mich eine dreiteilige Serie zusammenzustellen. Diese Arbeiten hingen über 20 Jahre lang in meiner Studentenwohnung in Wien. Als ich sie später in unser Archiv übergeben habe, habe ich in unserem System vermerkt: Sollte jemals etwas verkauft werden müssen – nicht diese drei. Sie haben vielleicht keinen hohen monetären Wert, doch die Geschichte und die Erinnerung an Franz sind unbezahlbar.
Ich sammle nicht für das Depot. Natürlich müssen wir unsere Kunstwerke bewahren, und wir können nicht die gesamte Sammlung gleichzeitig zeigen. Aber Kunst gehört gezeigt. Die durchschnittliche Dauer, die ein Werk bei uns im Lager verbringt, liegt unter einem Jahr. Danach kommt es wieder an einen unserer Standorte und wird unseren Mitarbeiter:innen präsentiert.
SPARK: Was ist Ihr Lieblingsmuseum in Wien?
Sebastian Haselsteiner: Ich würde mich nicht auf ein einzelnes Museum in Wien festlegen. Zur Albertina Modern habe ich eine enge Verbindung, da ich den Umbau des Künstlerhauses damals mit meinem Architekturbüro begleitet habe. Grundsätzlich hängt meine Begeisterung jedoch immer von der jeweiligen Ausstellung ab. So habe ich mich zum Beispiel besonders auf die Ausstellung von Amoako Boafo im Unteren Belvedere gefreut, da er einer der Hauptpreisträger von uns ist. Zwar betreibt die STRABAG keine eigenen Museen, ich sage aber gerne: Wir haben 75 kleine Museen an unseren Standorten. Hier bin ich auch gerne.
SPARK: Wie kommen Kunstinteressierte zu Ihnen?
Sebastian Haselsteiner: Öffentlich zugänglich sind unsere Ausstellungseröffnungen. Perspektivisch würde ich die ART Lounge gerne stärker nach außen öffnen. Es ist nach wie vor eine Herausforderung, Menschen über die Donau zu bringen. Lange Zeit habe ich gedacht, dass wir hierbleiben und einen konzentrierten Nukleus entwickeln müssen – so stark und magnetisch, dass die Menschen von selbst zu uns kommen. In der Realität war es dann aber so, dass mir auf der anderen Donauseite Leute begegnet sind, die gesagt haben, es sei großartig, dass das Strabag Kunstforum den Sprung über die Donau wagt. Ich stand daneben und dachte: Man fährt mit der U1 zwölf Minuten vom Stephansdom hierher und eigesehen, dass wir uns mit STRABAG ART stärker in Richtung Innenstadt bewegen und die Menschen dort abholen müssen. Zugleich sind wir hier in der Umgebung die einzige Kulturinstitution.

Sebastian Haselsteiner
Leitung STRABAG ART

Dania Kwizda-Dejanoff
International Relations SPARK Art Fair Vienna
