SPARK CONVERSATIONS
Zwischen Tradition und zeitloser Eleganz: Über die Handwerkskunst und das Vermächtnis J. & L. Lobmeyr mit Johannes Rath
16. Juni 2026
Kaum ein Name ist so eng mit der Wiener Glaskunst verbunden wie J. & L. Lobmeyr. Seit Generationen steht das Traditionsunternehmen für höchste Handwerkskunst, zeitlose Eleganz und Gespür für Ästhetik. Im Gespräch mit Johannes Rath, Vertreter der sechsten Generation und Geschäftsführer von J. & L. Lobmeyr, sprechen wir über den persönlichen Zugang zum Kunsthandwerk der Glasmanufaktur, die Balance zwischen Tradition und Innovation – und darüber, was es bedeutet, ein Stück Wiener Kultur in die Welt hinauszutragen.
SPARK: Gemeinsam mit ihren beiden Cousins sind Sie die sechste Generation der Wiener Luster-Dynastie Lobmeyr und leiten gemeinsam nun seit 2000 das Unternehmen. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an Lobmeyr oder an die Werkstätte?
Johannes Rath: Meine erste Erinnerung, das ist leicht, sie ist noch ganz frisch! Ich nannte es Schatzsuchen. Da immer alte Luster vom Verkauf zur Restaurierung in die Werkstätte über den Hof getragen wurden, fiel da oft etwas runter. Schachteln hatten Löcher oder sonst blieb auch etwas liegen. Als Kindergartenkind verbrachte ich schon ganze Nachmittage auf allen Vieren im Hof, mit aufgewetzten Knien und dreckigen Händen, und suchte und fand oft die schönsten Schätze am Boden. Bunte Perlen, Reste von Drähten, Bruchstücke von Rosetten oder Pendeln. Die kleinen Abenteuer zu Hause.
SPARK: Die traditionsreiche Glasmanufaktur Lobmeyr genießt seit Generationen weltweite Anerkennung für ihre außergewöhnliche Handwerkskunst und ihr feines Gespür für Design. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Welches war bislang das aufwendigste und anspruchsvollste Objekt, an dem Sie bisher gearbeitet haben?
Da wir das Objekt quasi parallel zum Baufortschritt fertigen mussten, um den Liefertermin einhalten zu können, flog unser Techniker 3-mal nach NY, um die Montagepunkte laufend nachzumessen und am Objekt in Wien zu justieren. In Summe entstand ein fast übernatürliches Gewirr aus dünnen Quadratprofilen, das über die Stockwerke nach oben wächst und sich im Freiraum des obersten Stockwerks zu einem großen Luster entfaltet. Die Rohrstruktur trägt ca. 140 kleine Laternen mit Spionspiegeln, die das Stiegenhaus in ein helles, aber doch dezentes Licht tauchen.
SPARK: Jedes Objekt aus dem Hause Lobmeyr ist ein eigenständiges Kunstwerk. Die Herstellung ihrer Glaswaren und Luster beruht auf einer über Jahrhunderte gewachsenen Tradition, bei der jedes Stück mit größter Sorgfalt von Hand gefertigt wird. Was ist für Sie der Unterschied zwischen Handwerkskunst und Kunsthandwerk?
Johannes Rath: Handwerkskunst und Kunsthandwerk, das ist eine gute Frage! Handwerkskunst ist ein bisschen ein gekünsteltes Wort, aber es drückt am besten aus, wofür wir stehen. Das Handwerk auf ein Niveau zu bringen, das es zur Kunst wird. Oder die Kunst etwas zu verkaufen, das mit Handwerk so kunstvoll hergestellt wird, dass es fast unbezahlbar wirkt. Beim Kunsthandwerk hingegen denke ich oft an Basteln. Wenn sich Künstler am Handwerk üben, ohne es wirklich gelernt zu haben. Was dann wirklich Kunst ist, liegt wahrscheinlich dann im Auge der Betrachter.
SPARK: Gibt es eine Lebensweisheit oder Erkenntnis, die Ihnen im Leben besonders geholfen hat?
Johannes Rath: Die Lebensweisheiten sind natürlich Betriebsgeheimnisse. Aber auf eine Sache bin ich draufgekommen, die mir dann oft geholfen hat: Wenn man sich zwischen zwei Sachen entscheiden soll, die so ähnlichsind, dass die Entscheidung unendlich schwer erscheint, dann ist es oft egal, wofür man sich entscheidet, weil beides so ähnlich ist.
SPARK: Ihr Unternehmen steht seit jeher für zeitlose Eleganz, höchste Qualität und ein feines Gespür für Ästhetik. Würden Sie sich selbst eher als Maximalist oder Minimalist beschreiben?
Johannes Rath: Man muss wissen, wann man übertreiben kann oder soll. Aber grundsätzlich bin ich, glaub ich eher Minimalist. Klingt komisch in meinem Zusammenhang, aber auch das Minimale kann schön und kunstvoll sein.
SPARK: Gibt es eine Anekdote aus Ihrem Berufsleben, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Johannes Rath: Aufhängestangen werden immer nach Maß gefertigt und können nicht auf eine andere Länge gekürzt werden. Nicht weil es nicht geht, sondern weil man in diesem Vorgang mit Sicherheit die empfindliche Oberfläche der Stange beschädigt. Darum raten wir davon ab. Doch eine Kundin wollte nicht auf uns hören und sagte uns, sie werde es dennoch versuchen. Wenige Tage später erreichte uns ihre Erfolgsmeldung. Wir waren ganz verblüfft, wie sie es denn gemacht habe. Ihre Antwort: „The guys at the Lab can do anything!“ Natürlich fragten wir nach, in welchem „Lab“ sie den unsere Stange kürzen lassen konnte.
Die Antwort: „At the NASA Lab of Green Bank Observatory.“ Und das war gut so. Es ist völlig normal, dass die NASA etwas kann, wovon Lobmeyr abrät. Don’t try this at home. Unless you’re NASA.
SPARK: Ihre Tätigkeit führt Sie regelmäßig an bedeutende Orte auf der ganzen Welt und macht Sie zugleich zu einem Botschafter Wiener Traditionshandwerks. Die Lobmeyr-Luster selbst genießen internationale Berühmtheit und finden sich in einigen der renommiertesten Häuser der Welt. In diesem besonderen Umfeld stellt sich die Frage: Fühlt man sich da manchmal auch selbst ein wenig wie eine Berühmtheit?
Johannes Rath: Ich war in New York (schon wieder!) um die Luster der Met für die Restaurierung zu demontieren. Das war da eine kleine Sensation, die Oper ohne Luster. Am Weg zu einem Termin bekam ich einen Anruf von einerunbekannten Nummer. Es war eine recht alte Dame, eine entferne Verwandte über viele Ecken, die schon lange in der Stadt lebte. Da sie sehr leise sprach und es auf der Straße recht laut war, verstand ich sie nicht sehr klar, als sie mich etwas fragte. Auf Verdacht antwortete ich, ich sei 31 Jahre alt. Darauf sagte sie, das wisse sie schon, das habe sie in der Zeitung gelesen. An diesem Tag kam ich mir dann wirklich berühmt vor!
SPARK: Sammeln Sie selbst Kunst?
Johannes Rath: Kunst sammeln im eigentlichen Sinn? Nein, nicht wirklich. Aber ich integriere Kunst im weiteren Sinne in meinen Einrichtungsstil. Meine Lebenspartnerin Sheila hat da ein gutes Händchen und findet immer wieder besondere Stücke aus verschiedenen Epochen, die sie dann geschickt kombiniert.
Auf der Parallel 2020 hat sie sich dann aber in die Werke einer Künstlerin verliebt, aber leider vergessen, wer die war. Ein paar Jahre später haben wir dann auf einer Pop-up-Galerie-Vernissage eine Künstlerin getroffen, die meiner Freundin auch sehr gut gefallen hat. Wie es der Zufall wollte, es war natürlich dieselbe, allerdings mit anderen Werken, wodurch es nicht sofort klar war: Michaela Schwarz-Weismann. Da haben wir dann ein paar Tage später zur Sicherheit auch ein Bild gekauft.
SPARK: Welche Stilrichtungen oder Themen in der Kunst sprechen Sie besonders an?
Johannes Rath: Themen in der Kunst? Ich bin da ziemlich visuell unterwegs. Es sind in erster Linie die Farben, die mich ansprechen. Nicht zwingend bunt oder schrill, aber mich sprechen oft (für mich) schöne Kombinationen an. Eine Regenbogenexplosion oder auch nur die Kombination zweier Farben, gerne auch komplementär.
SPARK: Was hat für Sie wirklich Bestand-im Design, im Leben oder in der Kunst?
Johannes Rath: Das einzig Konstante ist der Wandel, hat mal wer gesagt. Das unterschreib ich tausendmal. Aber ich fühle Sachen oft als permanent, als jetzt das meine, mit dem ich jetzt lebe. Ich kaufe mir oder beginne etwas, das dann meines ist. Es wird ein Teil meines Lebens und bleibt es auch. Bis es einen Grund gibt, etwas zu ändern, dann halte ich auch nicht unbedingt daran fest.
Aber grundsätzlich, aus meiner beruflichen Praxis, Sachen die bleiben sind meistens jene, die sich nicht zu dominant hervorheben. Im Design beispielsweise, etwas, das genau einem Stil entspricht, oder einer Mode, das vergeht schnell. Die besten Designs waren in ihrer Zeit meistens nicht genau im Trend, aber hatten etwas, das sie auszeichnet. Etwas spezielles, einen Kniff, einen Twist oder sowas. Was jedenfalls Bestand hat, no-na, ist Beständigkeit. Übersetzt in mein Gebiet, natürlich Qualität. Materiell vor allem, aber eben auch ästhetisch, eine gewisse Zeitlosigkeit, nie genau passen aber immer interessant bleiben.
SPARK: Welche Hobbys oder Leidenschaften begleiten Sie abseits Ihrer Arbeit?
Johannes Rath: Hobbies und Leidenschaften? Naja, ich bin ein Nerd. Ich interessiere mich für Wissenschaft. Vor allem Physik und Astronomie. Ich sage oft, wenn ich besser in Mathematik gewesen wäre, dann wäre ich Quantenphysiker geworden. „Aber in der Wirtschaft…“ kommt dann oft. Dann sag ich, dass ich tolle Buchhalter habe, die das für mich machen.
Dann mache ich noch seit fast 25 Jahren brasilianischen Kampfsport und hab vor ca. 10 Jahren mit dem Bogenschießen angefangen. Ist irgendwie wie Golf, nur mit mehr Bäumen.
SPARK: Was ist Ihr persönlicher Traum oder Ihre Vision für die Zukunft?

Johannes Rath
Geschäftsführender Gesellschafter J. & L. Lobmeyr

Dania Kwizda-Dejanoff
International Relations SPARK Art Fair Vienna
