SPARK CONVERSATIONS
Kunst und Gesellschaft neu denken: Über künstlerische Forschung, Inklusion und Art & Health mit Ruth Mateus-Berr
05. November 2026
Wie kann Kunst Resilienz fördern, gesellschaftliche Denkmuster hinterfragen und neue Formen der Begegnung schaffen? In dieser Conversation spricht Univ.-Prof. Dr. Ruth Mateus-Berr, Professorin auf der Universität für angewandte Kunst Wien und Künstlerin, über das transformative Potenzial der Kunst und ihre Forschung zum Thema Kunst und Gesundheit.
Ausgehend von ihrer künstlerischen Praxis, ihrer wissenschaftlichen Arbeit und dem Forschungsprojekt DEMEDARTS zeigt sie, wie partizipative Kunst neue Perspektiven auf Demenz, das Altern und gesellschaftliche Vielfalt eröffnen kann. Darüber hinaus spricht sie über das Spannungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit und sozialer Verantwortung und die Bedeutung einer inklusiven Kunstvermittlung.
SPARK: Wie haben Sie Ihren Weg zur bildenden Kunst gefunden?
Ruth Mateus-Berr: Ich habe schon immer mit Begeisterung gezeichnet. Meine Eltern haben mich sehr gefördert, mit Büchern, Katalogen und Museumsbesuchen samt Workshops. Die Materialien und ihre Gerüche sind mir bis heute präsent.
Mit 17 war ich „auf Sprachkurs“ in Südfrankreich. Die geliehene Kamera meines Vaters ging kaputt, also hielt ich alles, was mir gefiel, mit meinen Aquarellfarben fest. In Aix-en-Provence fand damals die erste große Cézanne-Ausstellung statt, und ich besuchte sein Atelier fast täglich. In Cheval-Blanc an der Küste der Camargue fing ich schließlich die goldene Stunde ein, mit dem ganzen Körper malend. Danach war mir klar: Ich wollte Kunst studieren. Nichts und niemand konnte mich davon abhalten.
SPARK: Im Rahmen des künstlerischen Forschungsprojekts DEMEDARTS haben Sie sich mit dem Diskurs einer alternden Gesellschaft und dementsprechenden künstlerischen Ansätzen beschäftigt. Wie war Ihre Herangehensweise an dieses Thema?
Ruth Mateus-Berr: Am Anfang stand ein einstündiges Interview mit einer Betroffenen, das mich bis heute inspiriert. Wir baten die Teilnehmenden, Dinge und Fotos mitzubringen, die ihnen wichtig sind.
Meine Interviewpartnerin kam mit einem Schirm, Bachblütenkarten und Sprüchen wie: „Man muss nicht auf die Sonne warten, man kann auch im Regen tanzen.“ Vor allem aber sagte sie, dass sie sich vom Design für ihre Altersgruppe überhaupt nicht angesprochen fühle. Auch mit Demenz habe man das Recht, lustig und verrückt zu sein.
Daraus entstand ein gelber japanischer Papierschirm, zart wie die Zerbrechlichkeit, die diese Krankheit mit sich bringt, mit ihren Bachblüten als Mandala. Dreht man ihn, tanzt sie.
Für eine Ausstellung im Künstlerhaus, bei der alles beweglich sein musste, kamen die Rollatoren dazu: „Pinky“ aus Plüsch mit Federboa, Rollatoren zu Berufen wie Gärtner*in, Hobbys und Designikonen wie Thonet oder Sacco/Zanotta, aber auch zu Rechten, die älteren Menschen oft abgesprochen werden, wie Liebe, sexuelle Selbstbestimmung oder Geschwindigkeit. Griffe aus Tennisschlägern, Neopren oder einem Geweih fragen nach der Verbindung von Haptik und Erinnerung. Die Rollatoren, gemeinsam mit Pia Scharler umgesetzt, sind Speculative Design: Sie zeigen, was gesellschaftlich und gestalterisch neu gedacht werden muss.
SPARK: Was hat Sie innerhalb dieses Projektes vielleicht überrascht? Gab es Momente, die Sie besonders berührt haben?
Ruth Mateus-Berr: Überrascht hat uns die Resonanz. Statt nur zu schauen, interagierten die Besucher*innen mit den Rollatoren und entwarfen eigene für ihre Angehörigen. Pflegeeinrichtungen schickten ihre Teams in unsere Workshops. Ein Sohn schrieb uns, sein Vater wolle seinen Rollator nun endlich mit Freude benutzen. Der einzige Unterschied: Er war individuell für ihn gestaltet worden.
Berührt haben mich vor allem die Workshops. Ein ehemaliger Opernsänger stimmte beim Collagieren ein Lied an, und die anderen sangen mit. Eine Frau mit fortgeschrittener Demenz sprach nach einer Stunde künstlerischer Arbeit wieder in ganzen Sätzen, zum Erstaunen der Logopädin. Am interaktiven Spieltisch von Pia Scharler wollten Menschen, die überwiegend im Bett lagen, plötzlich aufstehen, und ein Mann und eine Frau begannen beim Zuspielen der Bälle regelrecht zu flirten. Wenn Sprache verloren geht, muss nicht auch die Beziehung verloren gehen.
Dazu kommt das „Archiv der Verwirrungen“: Hunderte Menschen mit und ohne Demenz, von Wien bis Tokushima, zeichneten, was Verwirrung für sie bedeutet, und Musiker*innen spielten die Zeichnungen als Partituren. Mit unseren DEMEDARTS-Toolbooks, übersetzt in neun Sprachen, geben wir Kindern, Angehörigen und Pflegenden einfache künstlerische Wege in die Begegnung mit. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Wir wollten erforschen, was Kunst für Menschen mit Demenz bewirken kann, und haben erfahren, wie viel wir von ihnen lernen können.
SPARK: Welche Rolle spielt Kunst Ihrer Meinung nach für die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung von Menschen?
Ruth Mateus-Berr: Kunst ist für mich eine grundlegende Form von Erkenntnis und Kommunikation. Sie lässt uns die Welt nicht nur sehen, wie sie ist, sondern auch denken, wie sie sein könnte. Persönlich schärft sie Wahrnehmung, Neugier und die Fähigkeit, mit Unsicherheit und Mehrdeutigkeit umzugehen. Gesellschaftlich macht sie unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar und bringt Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnen würden. Damit stärkt sie genau das, was Demokratie braucht: Perspektivenwechsel und das Aushalten von Ambivalenz.
Deshalb sind Kunst und Gestaltung sowie Technik und Design keine Nebenfächer, sondern Schlüsselfächer. Gestalterisches Denken, Nigel Cross spricht von „Designerly Ways of Knowing“, heißt: Funktioniert Lösung A nicht, sucht man B, C oder D. Fehler sind Erkenntnisse, kein Scheitern.
Trotzdem will ich Kunst nicht auf ihren Nutzen reduzieren. Sie darf zweckfrei, unbequem und auch einfach schön sein. Kunst verändert die Welt nicht zwangsläufig unmittelbar, aber sie verändert, wie wir sie wahrnehmen, und daraus kann Veränderung entstehen.
SPARK: Wie sensibilisieren Sie Ihre Studierenden im Rahmen ihres Unterrichts an der Universität für angewandte Kunst für Ihre Themen und wie kommt dies bei den Studierenden an? Was verändert sich in der künstlerischen Praxis der Studierenden in diesem Kontext?
Ruth Mateus-Berr: Ich arbeite mit künstlerischer Forschung, Social Design Thinking und partizipativen Prozessen. Die Studierenden setzen sich mit realen Fragen auseinander, etwa mit Demenz, Inklusion, Demokratie, Mental Load oder Ökologie, und zwar möglichst nicht über die Menschen, sondern mit ihnen. In DEMEDARTS war das wegen der Pandemie nur eingeschränkt möglich. Also luden wir eine Sprecherin ein, die selbst mit Demenz lebt, und die Präsidentin von Alzheimer Austria. Gemeinsam mit Studierenden der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien entstanden Unterrichtskonzepte, die in unsere Toolbooks einflossen.
Viele Studierende haben dabei ihre Praxis neu befragt: Für wen gestalte ich? Wen schließe ich aus? Welche Verantwortung trage ich? Nicht mehr nur das fertige Werk zählte, sondern auch der Prozess. Leicht war das nicht für alle, vor allem nicht für jene, die aus dem eigenen subjektiven Ausdruck heraus arbeiten oder Demenz aus der eigenen Familie kennen. Gerade daraus entstand aber die wichtigste Erfahrung: dass künstlerische Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung einander nicht ausschließen.
SPARK: Inwiefern kann die partizipative Teilhabe am kulturellen Leben die körperliche und geistige Gesundheit von Menschen beeinflussen?
Zugleich darf Kunst nicht auf ein medizinisches Instrument reduziert werden. Ihr Wert liegt auch in Freude, Begegnung und dem Recht, selbstbestimmt am kulturellen Leben teilzuhaben.
SPARK: Sie beschäftigen sich unter anderem mit Fragen von Diversität und Inklusion. Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in der Kunstvermittlung?
Ruth Mateus-Berr: Ich sehe vor allem drei. Erstens wird Kunst in der Schule noch immer oft auf Dekoratives reduziert. Dabei verankert der Lehrplan seit 2023 übergreifende Themen wie Politische Bildung, Demokratie und Medienbildung oder Gesundheitsförderung verbindlich in allen Fächern, und Kunst und Gestaltung arbeitet mit genau den Bildern und Medien, über die sich heute Meinungen bilden. Demenz etwa berührt Gesundheitsförderung ebenso wie Diskriminierung: Ageismus (Alterdiskriminierung) ist in Europa die am häufigsten erlebte Form von Diskriminierung, noch vor Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder Herkunft.
Zweitens werden manche Gruppen leicht übersehen, etwa Menschen mit Behinderungen oder neurodivergente Menschen, deren Lernweisen oft als Defizit gelten. Künstlerische Prozesse lassen unterschiedliche Tempi und Ausdrucksformen zu. An der Angewandten gibt es dafür auch eine eigene Beauftragte für Studierende mit Beeinträchtigungen.
Drittens geht es um den Umgang mit Polarisierung und mit postkolonialen Perspektiven. Österreich war keine klassische Kolonialmacht, aber in koloniale Strukturen eingebunden, man denke etwa an den Penacho Moctezumas im Weltmuseum Wien. Ich unterscheide hier zwischen Schuld und Verantwortung: Verantwortung heißt, die Herkunft von Sammlungen zu erforschen und Verflechtungen sichtbar zu machen. Kritik darf aber kein neues Othering erzeugen. Wenn manche Schüler*innen queere Menschen abwerten oder sich vom Holocaust nicht berühren lassen wollen, helfen weder Wegsehen noch Gegenabwertung, sondern Aufklärung und Mitgefühl mit allen Opfern.
Das beginnt bei der Sprache: Wer von „den Dementen“ spricht, lateinisch „ohne Geist“, reduziert Menschen auf ihre Erkrankung. Wie wir über Menschen sprechen, prägt, wie wir ihnen begegnen.
SPARK: Wie gehen Sie mit der Selbstbestimmung und Mündigkeit von Studierenden um, wenn diese Entscheidungen nicht wahrnehmen, und wie vereinbaren Sie das mit Ihrer Verantwortung gegenüber der Schule?
Ruth Mateus-Berr: Mündigkeit bringen Studierende manchmal nicht einfach mit, sie lernen und erproben sie im Studium. Wenn jemand Entscheidungen nicht trifft, frage ich zuerst nach dem Warum. Oft stecken Überforderung, Unsicherheit oder Angst vor dem Scheitern dahinter. Dann helfen Vertrauen und ein offenes Gespräch.
Es gibt aber auch das Gegenteil: eine Selbstbestimmung, die sich als Unangreifbarkeit versteht und Kritik von Mentor*innen oder erfahrenen Kolleg*innen als Angriff erlebt. Mündig ist für mich, wer andere Perspektiven neugierig anhören, prüfen und begründet annehmen oder verwerfen kann. Gerade im Lehrberuf gehört das zur Professionalität.
Gegenüber der Schule trage ich Verantwortung. Deshalb kommuniziere ich Fristen, Kriterien und Konsequenzen von Anfang an klar. Selbstbestimmung heißt auch, die Folgen der eigenen Entscheidungen zu tragen. Meine Aufgabe ist, dass sie vorher bekannt sind. Wie wichtig es ist, junge Menschen als Mitgestaltende ernst zu nehmen, zeigt auch das Projekt United Nature Democracy, das aus der Perspektive der Generation Z Zukunftsbilder bis 2100 entwirft.
SPARK: Wie hat sich Ihr Verständnis von Kunst im Laufe Ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Laufbahn verändert?
Ruth Mateus-Berr: Es hat sich weniger verändert als erweitert. Von meinen Eltern habe ich mitbekommen, dass Kunst vielfältig, sinnlich und offen ist. Dazugekommen sind Partizipation und künstlerische Forschung. Heute verstehe ich Kunst als etwas, das zwischen Menschen entsteht. Bei DEMEDARTS begannen die Werke erst richtig zu wirken, als Besucher*innen sie berührten und weiterentwickelten. Die künstlerische Forschung wiederum macht Prozesse reflektierbar und erlaubt Grundlagenforschung in den Künsten selbst. Aus DEMEDARTS sind mindestens drei Ideen für angewandte Forschung hervorgegangen.
Mein Verständnis ist also kein anderes geworden, sondern ein weiteres: von Kunst als etwas, das ich mache, zu Kunst als etwas, das wir gemeinsam machen und in die Gesellschaft hineinwirken lassen.
SPARK: Welche Auswirkungen kann die eigene künstlerische Praxis auf die körperliche und geistige Gesundheit haben?
Ruth Mateus-Berr: Bei mir hat sie immer die Resilienz gestärkt. Was mich stört oder berührt, bekommt eine Form, und was eine Form hat, kann ich mit Abstand betrachten und mit anderen teilen. Mein Gemälde „TANs – Das Verschwinden der Farben“ entstand im Lockdown, als wir alle Isolation erlebten, wie sie Menschen mit Demenz oft dauerhaft begleitet. Ich übermalte das fein gemalte Bild mit einem weißen Schleier. Das hat geschmerzt, aber gerade darin lag die Verarbeitung.
Mit meinem Diplom in Kunsttherapie und meiner Ausbildung zur Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg kenne ich diese Kraft auch professionell. Besonders prägt mich Shaun McNiff, der Kunst als Medizin der Seele versteht: Heilsam ist vor allem der Prozess selbst. In DEMEDARTS haben wir Kunst gezielt für das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz, Angehörigen und Pflegenden eingesetzt und so das Projekt „Arts 4 Health Austria“ mit angeregt. Und im Sammelband „Politik der Erfahrung“, den ich mitherausgegeben habe, gehen wir der Frage nach, wie eng künstlerische Erfahrung, Politik, Bildung und Kunsttherapie zusammenhängen.
Künstlerische Arbeit kann aber auch fordern und verunsichern. Gerade deshalb lehrt sie, mit Ungewissheit umzugehen und neu anzusetzen.
SPARK: Welche Bedeutung hat die eigene künstlerische Praxis für Ihre Arbeit als Professorin und Wissenschaftlerin?
Ruth Mateus-Berr: Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit: Ich kann von Studierenden nichts verlangen, was ich nicht selbst praktiziere. Ich hatte immer ein eigenes Atelier und war an Ausstellungen beteiligt. Diese Praxis ist das Fundament meiner Lehre und Forschung. Wer selbst arbeitet, kennt das leere Blatt, das Scheitern und das Gelingen. In der Wissenschaft ist es ähnlich: Ablehnung und Überarbeitung gehören dazu, und die eigene Forschung ist die beste Fortbildung. Wer lehrt, muss am aktuellen Stand bleiben.
Als Professorin gibt man ständig Ideen weiter, die andere aufgreifen. Das ist Lehre, doch die eigene Praxis gerät dabei leicht in den Hintergrund. Das darf man nicht zulassen. Nur wer selbst forscht, zweifelt und produziert, bleibt lebendig und glaubwürdig. Deshalb ist mir die Förderung künstlerischer Forschung so wichtig: DEMEDARTS wäre ohne das FWF-Programm PEEK nicht möglich gewesen.

Ruth Mateus-Berr
Künstlerin, Leitung Zentrum Didaktik für Kunst und interdisziplinären Unterricht an der Universität für angewandte Kunst
Foto © Valerie Marie Voithofer

Dania Kwizda-Dejanoff
International Relations SPARK Art Vienna
Foto © © Sabine Hauswirth
